Medizin im Alter. Rationalisierung statt Rationierung – Das leistet die Evidenzbasierte Medizin

Liebe Kolleg*innen, liebe EbM-Netzwerk-Mitglieder, liebe EbM-Interessierte,

sehr laut erklang der Protest am Ende des Jahres 2025 als der Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck die Frage aufwarf, ob sehr alten Menschen noch besonders teure Medikamente verordnet werden sollten. Als beschämende Gedankenspiele, sozialen Unfrieden stiftend, unmoralisch wurden die Überlegungen daraufhin in den Medien und den Reihen der Politik verurteilt.

Rationalisierung, Priorisierung und Rationierung sind keine unbekannten oder neuen Begriffe im Diskurs über die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Wie die Ressourcen im Gesundheitswesen gezielter eingesetzt werden, können wird zweifelsohne das bestimmende Thema der kommenden Jahre sein. Die Evidenzbasierte Medizin ist ein Instrument zur Versachlichung der Diskussion. Sie setzt zur Beurteilung komplexer Fragestellungen an der best-verfügbaren Evidenz an, bezieht Wertvorstellungen und Ziele mit ein und impliziert eine Abwägung vor dem Hintergrund der verfügbaren Ressourcen.

In Gesellschaften mit steigendem Anteil multimorbider Menschen, die gleichzeitig Über-, Unter- und Fehlversorgung exponiert sind, muss eine transparente Diskussion über einen vernunftbegründeten Umgang mit begrenzten Ressourcen medizinischer und pflegerischer Versorgung möglich sein.

Warum wird der EbM-Kongress 2027 auf die Gruppe der Bürger*innen im höheren Lebensalter fokussieren? Zum einen, weil es sich um eine zügig wachsende Bevölkerungsgruppe handelt, die ein Gros der Gesundheitsressourcen in allen Sektoren des Gesundheitssystems beansprucht. Zum anderen weil die Gesundheitsversorgung älterer Menschen viel Potential zur rationalen Optimierung bietet: so zum Beispiel im Hinblick auf vermeidbare Krankenhausaufenthalte, Übertherapie am Lebensende, die keinen klinischen Nutzen hat, aber Schaden verursacht, nicht zielführende Präventionsmaßnahmen, Polypharmazie. Hinzu kommt die Vulnerabilität hochaltriger Menschen, die im besonderen Maße das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge herausfordert.

Der Standort Halle (Saale) ist prädestiniert für dieses Kongressthema, da hier bereits seit langem in institutionell konsolidierten Netzwerken, bestehend aus Medizin, Pflege, Ethik und Recht, interdisziplinär zum Themenkreis gearbeitet wird. 

Wir werden uns sachlich auseinandersetzen, präsentieren, zuhören, debattieren, verwerfen oder bestärken, fachlich, ethisch, aus der Perspektive älterer Menschen im Gesundheitssystem, unter Berücksichtigung von Recht und Gerechtigkeit; wir wollen reflektieren, Wissenslücken offenlegen und Forschungsbedarfe skizzieren.

Wir folgen damit originär unserem Leitbild, das geprägt ist durch kritisch-wissenschaftliches Denken, Orientierung am Patientennutzen, Freude an der Berufsausübung und kontinuierliche professionelle Entwicklung.

Selbstverständlich bietet der Kongress auch im Jahr 2027 die Plattform, um sich zu allen möglichen anderen Themen der EbM auszutauschen. Ein Netzwerk lebt von Begegnung, darum freuen wir uns, wenn Sie unserer Einladung nach Halle (Saale) folgen!

Ihre

Gabriele Meyer & Anke Steckelberg im Namen des Halleschen Kongress-Vorbereitungsteams

Prof. Dr. Gabriele Meyer
Prof. Dr. Gabriele Meyer
Kongresspräsidentin